Tempus fugit

Da blinzelt man einige Male und schon sind seit dem letzten Eintrag zwei Jahre vergangen, man hat seinen Chef geheiratet und Zwillinge in die Welt gesetzt. Wer kennt das nicht.

Ein paar Freunde sind weg, ein paar neue kamen dazu und statt Karriere und Reisen ist Wickeln und Füttern dran. Was für eine kurze Zeit, um auf Mann, drei Kinder und Vollzeithaushalt umzuschalten.

Zwischen Babybrei und Burnout liegen Spaß und Sorge nah beieinander und Chaos geht fließend in Freude und von da in Hysterie über. Ich bin zumeist gleichermaßen angestrengt und begeistert.Wenn ich zwischendurch Zeit finde (mich im Bad einschließe oder hinter dem Trockner verstecke), werde ich sie sicherlich nutzen, um hier meinen Unrat zu verbreiten, jetzt, wo ich mein Passwort wiedergefunden habe. Ich sollte nun vermutlich das Bedürfnis haben, primär über Erziehung, Kindernahrung und Babystramplerschnittmuster schreiben. Leider kenne mich nicht damit aus. Ich erlaube meinen Kindern viel zuviel, ziehe zudem Gläschen vor und kann nicht mal einen Knopf annähen.

Das kann ja heiter werden!

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Dumm ist, wenn man dumm ist.

Es ist faszinierend, wie weit man es bringen kann, ohne eigentlich lebenstüchtig zu sein.

Ich führe ein recht angenehmes Leben mit allerlei Annehmlichkeiten, ohne dass ich ein sonderlich brillantes Oberstübchen mein Eigen nennen könnte. Ich bin weiß Gott nicht dumm, diesen Luxus maße ich mir nicht im Geringsten an. Ich bin nur ein gebildeter Trottel. Inselbegabt mit einem Hang zu mitunter peinlichen Ausfällen.

Vor wenigen Tagen stieß ich mich beispielsweise im Büro kräftig mit dem Fuß ab, mich samt rollendem Bürostuhl gen Papierkorb katapultierend, um dort diversen Unrat zu entsorgen. Entgangen war mir indes, dass sich mein Chef gewohnt leichtfüßig angeschickt hatte, elfengleich hinter mir vorbeizuhuschen. Das Ende vom Lied war, dass ich ihn mit meinem Arbeitsgefährt frontal rammte und seinen Schritt kurzzeitig zwischen Aktenschrank und meinem Antlitz einpferchte.

Kurz darauf zeichnete die Überwachungskamera einer Sparkasse folgende Szene auf: Hysterisch fuchtelnd betrete ich telefonierend das Foyer, stecke meine Karte in den Kontoauszugdrucker, ziehe sie sofort wieder raus, stecke sie hernach in den gegenüberliegenden Geldautomaten, wähle einen Geldbetrag aus, entnehme die Karte wieder, ignoriere die mir willig entgegengestreckten Scheine, laufe zurück zum Kontoauszugdrucker, nehme den mittlerweile generierten Jammerlappen entgegen, verlasse gestikulierend die Sparkasse und kehre etwa sieben Minuten später zurück, als mir klar wird, dass ich meinen Ausflug ohne die benötigten Banknoten beendet hatte.

Teures Lehrgeld. Doch was lerne ich daraus? Besteht die Chance, dass ich -gezeichnet durch die zahlreichen Rückschläge- künftig bedächtig nickend und konzentriert durch die Welt gehen, die Folgen meiner Taten bedenken und ganz allgemein recht seriös und kompetent agieren werde? Arschlecken frisieren.

Es ist ja nicht so, dass ich nicht seit meiner frühen Jugend permanent ganz ähnliche Feuerwerke der Eleganz und Souveränität abbrennen würde. Kann es sein, dass derartige Erfahrungen folgen- und tatenlos an mir vorbeigehen, ohne konstruktive Folgen zu zeigen oder mich zumindest ausreichend zu traumatisieren, damit ich einen pädagogisch wertvollen, weisen und friedfertigen Engel auf der rechten Schulter entwickle?

Auf meinen Schultern streiten sich stattdessen zwei frivol gekleidete Diskoschranzen in zu kurzen Röcken darum, wer mir die dümmere Eingebung einzuflüstern vermag. Angesichts der absurden Vorschläge, die ich mir selbst permanent in beide Ohren wispere, ist es nicht weniger als erstaunlich, dass ich bisher nie verhaftet oder verprügelt wurde.

Wenn ich Lust habe, gehe ich in Schlafanzughose, goldenen Cowboystiefeln und mit einer Mischung aus 40 Euro-Rotwein und Aldi-Cola im Champagnerglas zum Kiosk, weil ich Lakritzschnecken will. Oder ziehe mich zur Arbeit an wie eine Jahrmarkt-Wahrsagerin.

Ich sage russischen Schlägern, dass ich ihre Kette schwul finde oder muss SOFORT auf diesem Autodach sitzen.

Ich will das gar nicht schönreden. Es ist hedonistisches und sozial sehr bedenkliches Verhalten. Ich habe auch keinerlei Grund, anzunehmen, dass ich mir das in irgendeiner Form erlauben könnte. Ich fände andere Leute, die sich so verhalten womöglich ganz furchtbar.

Ich kann mir selbst allerdings nichts abschlagen und bin besessen davon, nichts zu verpassen. Wenn heute ein betrunkener Müllkutscher mit Vollgas durch das malerische Flüsseviertel rast und mich plattwalzt, weil ich gerade kichernd auf mein Handy glotze, dann will ich nichts versäumt oder aufgespart haben.

Ich werde also vermutlich niemals vorzeigbar oder vernünftig.

Kinder sorgen dafür, dass man einigermaßen funktioniert und sich nicht allzu ausschweifend aufführt. Kinder sind guter Einfluss. Der einzige Grund, Arbeit, Haushalt und Exceltabellen letztendlich doch in den Griff zu bekommen. Aber ihre geballte Fantasie und das berauschende Chaos feuern das bekloppte Gemüt zugleich nur an. Man wird zum erziehenden, autofahrenden, staubsaugenden Parasiten der kindlichen Vorstellungskraft und ist immer ein bisschen stolz, wenn man auf dem Weg zum Kindergarten das „Bestimmereinhorn“ sein darf, während man äußerlich zur Eile mahnt, um nicht zu spät zur Arbeit zu kommen.

Kinder feuern die eigenen Grillen im Kopf an und nötigen gleichzeitig zu Disziplin und Konsequenz. Es ist ein luxuriöser, shizophrener Zustand irgendwo zwischen Komplize und Gouvernante.

Das klingt jetzt alles so, als fände ich mich ganz toll. Das ist auch nicht verwunderlich, ich neige generell zur Selbstherrlichkeit. Fakt ist aber, dass ich froh bin, dass nicht jeder so ist wie ich, das wäre anstrengend und darwinistisch auch nicht zielführend. Schön, dass wir alle unterschiedlich komisch sind und wir uns gegenseitig so durchschleppen. Und schön, dass ich so bin und trotzdem Freunde habe.

Die sogar mit mir zum Kiosk gehen, wenn ich Schlafanzug und goldene Cowboystiefel trage.

Seid fröhlich, klettert auf Kräne oder strickt Mützen, jeder so, wie er gebaut ist.

Much love, moi

Me, myself and I

Jeder Mensch hat im Grunde nur seinen eigenen Blickwinkel. Wir können nicht aus unserer Haut.

Empathie, Mitgefühl, Interesse am Anderen; all dies sind schöne Eigenschaften, die das Miteinander erleichtern und uns je nach Ausprägung zu mehr oder minder sozialen Wesen machen. Doch ganz können wir unsere Perspektive nie aufgeben, wir kreisen immer irgendwie um unsere eigene Lampe.

Die Frage ist nur, in welchem Ausmaß wir das tun.

Ich finde einen gewissen Grad der Selbstherrlichkeit durchaus amüsant, die Begeisterung für die eigene Person kann Stilmittel, liebenswerte Schrulle, aber auch eine lästige Angewohnheit und äußerst unsympathisch sein. Das kommt immer darauf an, welchen Typen Mensch mit welchem Satz Eigenschaften wir vor uns haben. Charismatischer Selbstdarsteller oder verblendeter Angeber – die Grenzen können durchaus fließend sein und die Einschätzungen gehen mitunter erstaunlich weit auseinander.

Es gibt Egoisten, die einfach zu geizig sind, um Gefühle oder Kekse zu teilen.

Es gibt einen vorsichtigen Egoismus als Schutz vor Verletzung.

Es gibt einen Egoismus, der entsteht, weil das Leben manch einem von sich aus nicht genug bietet und die Gerechtigkeit manchmal der Korrektur durch die eigene Hand bedarf.

Was es jedoch selten gibt, ist das Fehlen jeder Form von Eigennutz. Was durchaus gesund ist und zum Selbsterhaltungstrieb gehört.

Wir sind also eine Gesellschaft von herumwuselnden Individuen, deren Sicht auf die Welt einzigartig ist, weil es zu jeder Zeit immer nur ein einziges Paar Augen gibt, das die Welt mit genau diesem Blick sieht. Unsere Aufgabe ist es, unsere unterschiedlichen Lebensweisen so aneinander vorbeizumanövrieren, dass niemand allzu sehr gestört und geschädigt wird. Was bekanntlich nicht immer funktioniert. Dennoch bemühen wir uns um friedliche Koexistenz und kommen doch im Großen und Ganzen überraschend gut durch den Alltag.

Noch viel erstaunlicher ist es, dass sich immer wieder Menschen finden, deren Eigenschaften und Ansichten so kompatibel mit unseren sind, dass wir mit ihnen zusammen ein besseres Dasein fristen als allein.

Dass wir manchen Menschen lieber etwas von unserem Eis abgeben, als ohne sie zu sein und wir lieber darauf verzichten, lauthals Recht zu haben, als den anderen zu verletzen. Dass jemand unser Leben besser macht, ohne es zu müssen.

Freunde sind ein kleines Wunder.

Und Liebe ist Freundschaft mit hormonellem Anschwung. Die Chemie im Hirn verflüchtigt sich mit der Zeit und am Ende halten wir es nur zusammen aus, wenn die Freundschaft ausreicht und wir uns auf lange Sicht zusammen und allein entwickeln können.

Druckempfindliches Ego, Besitzansprüche und Erwartungshaltung; es wird einem nicht immer  leicht gemacht, ein Freund zu sein. Ich selbst habe mich schon oft zu irrwitzigen Tiraden und dramatischen Abgängen hinreißen lassen, wenn ich den Mund so voller verletztem Stolz hatte, dass ich ihn einfach nicht mehr herunterschlucken konnte. Und ich habe es meistens bereut.

Wir sollten vielleicht öfter dankbar und froh nach links und rechts gucken, den unterschiedlichsten Lebenswegbegleitern die Hand oder unser letztes Bier reichen und genießen, dass sie da sind.

Weil es ganz unglaublich und erstaunlich ist, dass man völlig ohne Sinn und Zweck geliebt wird, nur weil man so ist, wie man ist.

Prosit, Freunde.